Singapur

 

Marina Bay Singapur

Wie vermutlich schon zu bemerken war, habe ich eine gewisse Vorliebe für die mediterrane, aber auch für die asiatische Küche.

Nachdem ich den Mittelmeerraum als von mir ausgiebig bereist bezeichnen möchte, hingegen noch nie in Asien war, wurde es an Silvester Zeit dies zu ändern.

Mit einem bösen Blick von Greta Thunberg im Nacken starteten wir also zu einem Langstreckenflug nach Singapur.

Kinokuniya Kasse
An der Kasse des japanischen Buchladens Kinokuniya – fantastische Auswahl an englischsprachigen Kochbüchern

Singapur ist eine faszinierende Stadt, sehr modern und fast etwas übertrieben sauber und aufgeräumt. Die Schweiz ist erklärtes Vorbild, nicht nur in puncto Sauberkeit, sondern auch in Bezug auf Neutralität und einen Bankenstandort. Es drohen drakonische Strafen für so ziemlich alles unordentliche, Abfall wegwerfen, essen und trinken in öffentlichen Verkehrsmitteln, E-Scooter fahren auf Bürgersteigen, oder gar rauchen.

Trotz all dieser Rigidät habe ich selten eine Stadt gesehen, in der so viele verschiedene Ethnien gleichberechtigt und harmonisch miteinander leben. Das wird von der Regierung vehement gefördert und gefordert, es gibt einen Racial Harmony Day, und in den Siedlungen mit zu 85% staatlich geförderten Eigentumswohnungen herrscht ein strikter Aufteilungsschlüssel nach ethnischer Zugehörigkeit: 76% Chinesen, 14 % Malaien, 8 % Inder und Rest. Zieht eine malaiische Familie aus, darf nur eine malaiische wieder einziehen.

Hardcore-Kapitalismus mit „social engineering“, aus europäischer Sicht befremdlich, scheint aber gut zu funktionieren.

Man sagt, es gibt in Singapur nur drei Jahreszeiten: Hot, hotter and shopping!

In der Tat kann man kilometerweit klimatisiert in Shoppingmalls durch die Stadt laufen, ohne ans Tageslicht zu müssen.

Das ist, ob der zeitweise hundertprozentigen Luftfeuchtigkeit bei konstanten 32 Grad, tagsüber oder abends, eine Zeit lang auch ganz angenehm.

(Eines Nachts um Mitternacht stieg ich vor dem Hotel aus dem brutal herunterklimatisiertem Bus, und mir beschlug die Brille. Die ersten Schritte in dieser Humidität fühlen sich an, als ob man einen warmen, feuchten, schweren Vorhang zur Seite schieben muss. Man gewöhnt sich aber daran.)

Da aber der Konsumrausch in den immer gleichen Läden doch irgendwie auf Dauer langweilig wird, gibt es netterweise noch eine andere Hauptbeschäftigung der Singapurer:

Essen!

In der manisch sauberen Stadt wurden alle mobilen Imbisswagen, die es früher gab, von der Straße verbannt und in sogenannten Hawkercentern zusammengefasst. Hier gibt es Strom- und Wasseranschluss, Toiletten und regelmäßige Hygienekontrollen. Von diesen Centern gibt es zur Zeit 114, mit insgesamt rund 14000 Hawker-Stalls, also Garküchen. Das sollte für die vier Tage Aufenthalt langen!

Zur ersten Orientierung haben wir eine Foodtour gebucht und sind mit einem kundigen Guide durch die drei wichtigsten Viertel auf der Suche nach essbarem gezogen: Kampong Glam (das malaiische Viertel), Little India und Chinatown.

Erster Stop das Kampong Glam Cafe, dort gab es Lontong: Ein im Bananenblatt gekochter, gepresster Reiskuchen mit Kokosmilchsoße, Weißkohl, einem hartgekochten Ei, Tofu mit Sambal und ganz wunderbar gewürzten Kokosflocken.

Kampong Glam ist (trotz der das Viertel beherrschenden Masjid-Sultan-Moschee) ein beliebtes Singapurer Ausgehviertel geworden,

und wir sind ein paar Tage später zu dem wenige Meter weiter gelegenem Restaurant Minang gegangen, um dort fantastisches Asam Pedas (Fischcurry) zu essen.

Little India: Ein kurzer Gang durch die quirlige Buffalo Road, voller indischer Lebensmittelgeschäfte und viel angebotenem Blumenschmuck.

Im Tekka Centre dann ein Streifzug durch die hauptsächlich südindische Küche. Leider recht viel frittiertes, aber ein sehr leckeres, wenn auch riesiges, Kartoffel-Dosai.

Obwohl ich kein großer Freund von milchhaltigen Getränken bin: Bei Mohd Hanifa gab es den besten Mango Lassi ever!

Chinatown:

Im Chinatown Complex aßen wir Popiah und einen sehr weichen, gedämpften Dumpling mit Schweinefleisch (Char Siew Pau). Popiah ist eine Art Frühlingsrolle aus der in Singapur vorherrschenden Teochew-Küche, überraschend lecker. Und Char Siew Pau war eine der Entdeckungen für mich überhaupt, ein weicher, fluffiger Teig mit einer würzigen, hocharomatischen Füllung.

Eine tolle Foodtour, würde ich sofort wieder machen.

Obwohl nicht mehr wirklich als hungrig zu bezeichnen, abends dann in das Bedok Corner Hawker-Centre etwas außerhalb, wo ich mit Oyster Omelette, Stachelrochen, Lammstelze, Rind- und Huhn-Satay und Rojak (ein würziger Obst- und Gemüsesalat) gefüttert wurde. Ebenfalls gab es ein Gericht mit Kuhlunge.

Kuhlunge ist erstaunlich zäh. Kann man essen, muss man aber nicht.

Die anderen Gerichte waren aber sehr gut, die weite Fahrt durchaus wert. Das kreisrunde Gebäude ist übrigens in einen Halal-Bereich auf der einen Seite, und einen Non-Halal-Bereich auf der anderen Seite aufgeteilt.

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich (angeheiratete) Verwandtschaft in Singapur und Kuala Lumpur habe, die sich darin überschlugen uns alle Köstlichkeiten des jeweiligen Landes zu präsentieren.

So waren wir also oft – aber beileibe nicht immer – mit „native eaters“ unterwegs.

Silvesterabend, wohin? Natürlich an die Marina Bay, Singapurs Flaniermeile. Überfüllt wäre eine Untertreibung, alle U-Bahn Ausgänge waren bereits gesperrt, bis auf Bayfront, wo sich der Park Gardens by the Bay befindet. Was extrem auffällig und sehr angenehm war: Niemand drängelt!

Trotz beängstigender Menschenmassen blieb alles ruhig und friedlich. Ob das etwas mit dem Verbot alkoholischer Getränke in der Öffentlichkeit zu tun hat…?

Ein großes, professionelles und beeindruckendes Feuerwerk und das war’s. Keine Böller, keine umherschießenden Raketen vom Discounter, sehr angenehm.

Kein Alkohol in der Öffentlichkeit bedeutet übrigens nur, nicht mit der Flasche in der Hand durch die Gegend zu laufen oder in die U-Bahn zu steigen. Alkohol zu kaufen gibt es überall, auch draußen und gerne in Eimern.

Am Neujahrstag zum Brunch/Büffet im Landmark Restaurant im Village Hotel Bugis eingeladen worden. Während sich viele Einheimische voller Begeisterung am mediterranen Buffet Nudelsalat holten, machte ich mich über den Krabbentopf her.

Nicht ganz einfach an das Krabbenfleisch zu kommen, aber die Singapurer bissen einfach in die Schale hinein und aßen sie mit. Toller Geschmack, mit einer zarten, angenehmen Süße.

Den Chinatown-Complex haben wir dann noch einmal besucht, denn hier ist auch ein Hawker-Stall mit einem Michelin Stern, dem ersten der jemals für einen Imbissstand vergeben wurde.

Liao Fan Hawker Chan, Huhn mit Sojasoße Hongkong Style.

Sah sehr lecker aus, aber die Warteschlange war definitiv zu lange! Am nächsten Tag wieder probiert, aber da war der Shop tatsächlich geschlossen.

Doch direkt gegenüber, außerhalb des Chinatown Complex in der Smith Street gibt es eine Filiale. Eher eine Schnellimbiß-Filiale. Sah auch nicht wirklich gut aus, aber nun, 1-Sterne-Essen für 5 Singapur-Dollar (etwa 3,40 Euro)? Das muss man doch mal probiert haben!

Um es kurz zu machen: Ein völliger Reinfall!

Das Huhn kalt, der Rest lieb- und belanglos gewürzt., die Haut labberig. Nur die Soße war recht gut.

Keine Ahnung was den Guide Michelin da geritten hat. Vermutlich wollte man weg vom muffigen Image der Sterneküche, die nur in Restaurants mit gestärkten Tischdecken existieren kann, und Pinguinen, die einem den Stuhl in die Kniekehle rammen.

Vielleicht ist das Essen am Originalstand deutlich besser, aber dann macht sich Hawker Chan mit dieser Filiale keinen Gefallen für seinen Ruf.

Noch ein Sternenstand, der zweite in Singapur: Hill Street Tai Hwa Pork Noodle.

Wieder eine beachtliche Schlange, aber nach etwa 45 Minuten war ich an der Reihe.

Die mittelgroße Portion für 8 S$.

Hervorragende Brühe, knusprige Fischhaut (schnell essen, bevor sie in der Brühe aufweicht), WanTan mit Schweinefleisch. Und etwas, was ich nicht genau identifizieren konnte mit stark metallischem Geschmack, ich vermute Schweineleber.

Alles in allem recht gut, aber ist das einen Michelin-Stern wert?

Wenn ich da an das Feuerwerk denke, das in so manchen Einsternern abgefeuert wird?

Ich erkenne die Intention des Guide, solidem Handwerk und jahrelanger Perfektionierung eines einzelnen Gericht eine Auszeichnung zu verleihen, aber ein Bib Gourmand (Auszeichnung für sehr gute Küche mit einen guten Preis-Leistungs-Verhältnis, bzw. ein Drei-Gang-Menü für unter 37 Euro) wäre meines Erachtens angemessener.

Die „normalen“ Hawker haben auch sehr viel schmackhaftes zu bieten, so im Maxwell Food Centre, wo sich Anthony Bourdain schon das Hainan Chicken schmecken ließ.

Gegenüber befindet sich der Buddha Tooth Tempel, ja, mit einer Zahnreliquie. Übrigens erst 2007 gebaut.

 

An der Station Tiong Bahru (auch diese eigentlich eher eine Shoppingmall) leicht verirrt und auf der „falschen Seite“ ausgestiegen. Dadurch im Erdgeschoss eines Wohnhauskomplexes auf eine kleine Garküche gestoßen. Der Besitzer sprach tatsächlich kein Englisch, doch eine freundliche Frau am Nebentisch half weiter. Das einzige, was ich halbwegs bestimmen konnte war eine Wantan-Suppe. Und was soll ich sagen, köstlich! Eigentlich ein Hauptgericht, mit etwas Suppe separat gereicht, für 3,50 Singapur Dollar.

Leider keine Ahnung wie der Stand heißt, aber er befindet sich in der Jalan Bukit Ho Swee, Block 34.

Bei der Abreise am Flughafen Changi gibt es zur Abwechslung mal eine Shoppingmall, Jewel genannt. Mit mehrere Stockwerke herabstürzendem Wasserfall. Ganz unten, wo das Wasser hinter Glas vorbeigurgelt, ein Michelin besternter Ramen Shop.

Zufall, wirklich, ich hatte auch gar keine große Lust mehr auf Sternegarküche.

Aber es war noch Zeit bis zum Abflug und wir hatten noch nicht wirklich gefrühstückt, also dann.

Leider müssten wir noch etwa eine halbe Stunde warten, teilte uns der freundliche Kellner mit, die Brühe sei noch nicht fertig.

Ein gutes Zeichen!

Die halbe Stunde warteten wir doch gerne, und tatsächlich: Zwei hervorragende Ramen-Suppen, eine eher klassische mit 6 verschiedenen Pilzarten, Schweinebraten und Trüffelöl („Autumn“), und eine Festlandsasiatisch inspirierte mit Kokosmilch, Schweinebraten, Krabben, Fischküchlein, Koriander und Chilifäden („Tropical Winter“).

Der Laden nennt sich Shiki Hototogisu und ist eine Filiale des Tokyoter Soba House Konjiki Hototogisu von Atsushi Yamamoto. Diesem wurde der Stern verliehen, nicht der Filiale.

War trotzdem sehr gut und hatte einen hohen Standard.

Ein runder Abschied von Singapur, einer rundum beeindruckenden Stadt. Wenn der Flug nicht so elend lang wäre, würde ich ganz sicher oft hinreisen.

Aber nun ab nach Kuala Lumpur.

 

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